Still_Alive

Fast zwei Jahrzehnte Leben unter Quarantäne: Seit seinem Mafia-Enthüllungsbuch „Gomorrha“ lebt der italienische Autor Roberto Saviano unter Polizeischutz. Zusammen mit dem israelischen Comickünstler Asaf Hanuka erzählt Saviano nun in einer Graphic Novel von einem Leben im nie endendem Ausnahmezustand ...

Roberto Saviano, Asaf Hanuka "I'M STILL ALIVE"

Der italienische Journalist Roberto Saviano war sechsundzwanzig Jahre alt, als er sein erstes Buch, „Gomorrha“, veröffentlichte. Das Buch, von dem weltweit 10 Millionen Exemplare verkauft wurden, war ein detaillierter Bericht über die neapolitanische Mafia, die Camorra, deren Taktiken des organisierten Verbrechens beinah alle Bereiche der neapolitanischen Wirtschaft durchdrungen haben: Regierung, Infrastruktur, Haute Couture und Drogen. Nach der Veröffentlichung von Gomorrah war Savianos Leben ständig von potenziellen Attentätern bedroht, die ihn zwangen, seine Heimat Italien zu verlassen und unter ständigem Polizeischutz zu leben. Zum ersten Mal teilt Saviano seine Gedanken und Erfahrungen aus seinem frühen Leben in Neapel, wo er die Macht und Gewalt der Camorra aus erster Hand erfuhr und heute wieder unter Bewachung lebt.

In Zusammenarbeit mit dem preisgekrönten Zeichner Asaf Hanuka erkunden Autor und Künstler ein Leben hinter bewaffneten Wachen in einem Gefängnis aus Sicherheit, aus dem mittels Feder und Papier ein bemerkenswerter Ausbruch und Akt des Widerstandes gegen tief verwurzelte Kriminalität und Korruption gelungen ist.

ROBERTO SAVIANO

Roberto Saviano ist ein italienischer Schriftsteller und Journalist. Er wurde 1979 in Neapel geboren. Mit der Veröffentlichung seines Bestsellers „Gomorrha“ im Jahr 2006, in dem er die geheimen Details der Camorra-Geschäfte beschreibt, wurde er auf der ganzen Welt berühmt, geriet dabei aber auch ins Visier der Camorra, der neapolitanischen Mafia. Seither wird Saviano von mehreren neapolitanischen hochrangigen Mitgliedern der Verbrecherorganisation bedroht. Der italienische Innenminister hat ihm eine ständige Polizeieskorte zur Seite gestellt.

Für sein Werk und sein Engagement ist Roberto Saviano mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden – darunter den Premio Viareggio für „Gomorrha“, den Geschwister-Scholl-Preis und den Pinter International Writers of Courage of Award.

I‘M STILL ALIVE ist Roberto Savianos erste Graphic Novel.

ASAF HANUKA

Asaf Hanuka ist ein israelischer Comic-Autor und -Zeichner, ein Illustrator und ein Zeichenlehrer. Hanuka wurde 1974 in Tel Aviv als Sohn einer aus Bagdad stammenden Irakerin und eines Israelis geboren. Er studierte u.a. in Frankreich Illustration und arbeitete zunächst für zahlreiche Magazine wie Rolling Stone und New York Times, bevor er sich der Buchillustration und dem Comic zuwandte.

2010 erschien seine autobiografische Comicreihe DER REALIST und wurde ein weltweiter Erfolg. Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Tomer, der ebenfalls Comiczeichner und Illustrator ist, schuf er die experimentelle Comicbuch-Serie BIPOLAR, die u.a. für den Ignatz Award nominiert worden ist. Die beiden Brüder haben gemeinsam an dem SciFi-Comic THE DIVINE mitgearbeitet.

Asaf Hanuka lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Tel Aviv. Dort fährt er nicht selten einen Roller, aber das ist eine andere Geschichte ...

Das Interview

Lieber Asaf, zunächst einmal möchte ich mich bei dir bedanken, dass du uns ein wenig von deiner knapp bemessenen Zeit zur Verfügung stellst. Ich möchte das Interview damit beginnen, dich nach deinen Comic-Ursprüngen und deinem Einstieg in die Comic-Branche zu fragen. Wann hast du deine Liebe zu Comics entdeckt und was hat dich zu diesem Medium hingezogen?

Ich denke, dass Comics für mich eine Art magische Tür waren, die mich aus einem sehr banalen und grauen Alltagsleben in einem kleinen, von Autobahnen umgebenen Vorort in Israel in der Nähe von Tel Aviv herausführte. Ich bin in den 1980er Jahren aufgewachsen. Ich glaube, wir hatten nicht einmal einen Fernseher oder nur einen Schwarzweiß-Fernseher ... Aber mein Zwillingsbruder Tomer und ich bekamen regelmäßig Comichefte von unserer Tante aus den USA geschickt: X-Men, Avengers, Spider-Man ... All diese Comics waren sehr farbenfroh und hatten diese unglaublichen Actionszenen, der visuelle Eindruck war so stark, dass Tomer und ich irgendwie süchtig danach wurden. Wir lasen diese Comics, obwohl wir kein Englisch konnten, und erfanden unsere eigenen Geschichten, indem wir die Comichelden einfach selbst zeichneten. So bin ich also zu den Comics gekommen.

Bei meinen ersten Schritten als Comiczeichner wurde mir klar, dass ich – obwohl ich als Kind Superhelden liebte – mehr daran interessiert war, Comics als Sprache, als Medium zu nutzen, und dass ich andere Geschichten erzählen wollte – persönlichere Geschichten. Direkt nach meinem Abschluss an der französischen Kunstschule die nach Léon Emile Caille benannt ist, habe ich mein erstes Buch veröffentlicht und später ein paar andere. Ich glaube, dass ich im Alter von 35 Jahren mein Ding gefunden hatte, als ich anfing, mein Leben in Form von Comics unter dem Namen DER REALIST zu dokumentieren. Da hat es dann bei mir wirklich Klick gemacht ...

Kannst du uns ein bisschen über die Comicszene in Israel erzählen? Ist es schwierig dort von Comics zu leben? Welchen Stellenwert haben Comics in der israelischen Kultur?

Comics gibt es in Israel nicht wirklich. Es gibt einige wenige wichtige und interessante Künstler*innen wie sind Rutu Modan und Michel Kichka. Beide sind auch gute Freunde, die ich seit Jahren kennen und die mich immer wieder inspiriert haben. Ich glaube nicht, dass man in Israel von Comics leben kann, außer man ist extrem erfolgreich. Und ich bin nicht sicher, ob das im heutigen Markt überhaupt möglich ist. In der jüdischen Kultur wird das geschriebene Wort und die Interpretation des Wortes sehr hoch geachtet. Ich denke, es geht ein bisschen gegen die Kultur, diesem Wort noch Bilder hinzuzufügen. Aber genau um die Spannung zwischen Wort und Bild herum, zwischen verschiedenen Ebenen des Lesens – du liest den Text und schaust dir dann die Bilder an – passiert die Magie bei Comics. Ich denke, das Besondere an der israelischen Kultur ist, dass sie so frisch und undefiniert ist und so eine große Flexibilität der Stilisierung und Erfindung zulässt. Es fühlt sich so an, als hätte ich viele Einflüsse aus Europa und Japan und Amerika und ich kann alles bunt durchmischen, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob es einer bestimmten Schule oder Linie folgt. Ich würde also sagen, dass unser Vorteil als Israelis, der ist, dass wir frei sind vom Gewicht der Jahre des Comics oder sogar der Kunst vor uns. Es ist alles sehr frisch.

Welchen Bezug hattest zu Roberto Saviano und seinem Werk vor diesem Projekt? Warst du ein Fan von ihm? Wie bekannt ist er in Israel?

Ich habe vor Jahren „Gomorrha” gesehen, als der Film rauskam. Nachdem ich angefangen hatte, mit Roberto zu schreiben, habe ich sein Buch gelesen und fand Robertos Fähigkeit, Gewalt realistisch darzustellen sehr interessant. Dabei geht es nicht um Gewalt als ästhetische Darstellung – so als wäre sie zur Unterhaltung da – sondern um das Element der Gewalt, das in allen menschlichen Beziehungen existiert – und das hat er exzellent dargestellt, wie ich finde. Nachdem ich ihn getroffen und angefangen hatte, mit ihm zu arbeiten, habe ich noch weitere Qualitäten an ihm entdeckt, aber was mich an seinen Werken am meisten anzog, war sein Talent, die Spannung zwischen Menschen darzustellen, die auch in Gewalt umschwenken kann.

Der erste Impuls zu unserer Zusammenarbeit ging von Roberto aus. Er ist auf einen italienischen Verlag namens BAO und den Redakteur Michele Foschini zugegangen. Ich glaube, er hat mein Buch DER REALIST auf Italienisch gelesen und es hat ihm gefallen. Dann hat er mir dieses Projekt vorgeschlagen und ich war sehr glücklich, dass ich ausgewählt worden bin, um Robertos Geschichte zu erzählen. Was ich besonders gut fand, war dass er mir sagte: „Mach dein Ding.“ Mein Ding bzw. meinen Stil habe ich während meiner Arbeit an DER REALIST entwickelt. Dabei benutze ich visuelle Metaphern, ich baue etwas Surreales und Fantasievolles in eine realistische Umgebung ein. Das habe ich durch meine jahrelange Arbeit als Illustrator entwickelt. Ich denke, so kann ich viele komplexe Emotionen auf eine kompakte Art und Weise darstellen, die gut zur Sprache der Comics passt. Roberto war sehr großzügig und lies mir komplett freie Hand. Er hat mich sogar bei der Entwicklung meiner visuellen Sprache unterstützt und steuerte bei einigen der Geschichten sogar selbst grafische Ideen bei. Es war großartig und ich fühlte mich sehr, sehr gut mit dem Resultat.

Was genau macht Roberto, seine Kämpfe und sein absurdes, albtraumhaftes Leben für dich interessant als Comic-Motiv?

Das Erste, was ich über Robertos Leben dachte, war dass es eine Geschichte über einen Mann ist, der in einer Box eingesperrt ist und ich denke, das ist die grundliegende Sprache eines Comic-Panels. Die Figur ist in diesem Panel eingesperrt und das hat bei mir sofort Klick gemacht. Dann kam der Fakt, dass er mich quasi eingeladen hat eine Reise durch sein Unterbewusstsein zu machen. Normalerweise mache ich das allein (bewusst oder unbewusst, da bin ich nicht sicher), aber er war wie ein Reisebegleiter in die dunkelsten Ecken seines Geistes. Das faszinierte mich. Was mich daran besonders angezogen hat, war, dass er so anders ist als ich. Ich bin jemand, der leicht Angst bekommt und immer auf Sicherheit achtet und versucht ein ausgeglichenes Leben zu führen – das ist mein größtes Ziel. Aber er ist anders. Er ist sehr mutig und hat alles gegeben, um das Richtige zu tun. Er hat sich sehr gewalttätigen Mächten entgegengestellt. Es war interessant, meine eigene Höhle zu verlassen und eine komplett andere Höhle zu besuchen, sie aber trotzdem mit meinen eigenen Werkzeugen zu beschreiben.

I'm Still alive

In DER REALIST beschreibst du den Alltag von dir und deiner Familie in Tel Aviv. Dabei spielt auch das Leben mit der ständigen Bedrohung eine Rolle ... Hast du Ähnlichkeiten zwischen deinem Alltag als Israeli und dem Leben von Roberto, das geprägt ist von Isolation und Unsicherheit, entdeckt?

Ja, ich denke, es gibt Ähnlichkeiten, denn in Israel zu leben, bedeutet mit einem drohenden Unheil zu leben. Man ist gefühlt ständig nur einen Straßenzug von einem Terrorangriff entfernt. Als Israeli bin ich es also gewohnt, das Wissen zu unterdrücken, dass mir Gewalt widerfahren wird. Aber ich habe, wie jeder in Israel, gelernt zu akzeptieren, dass wir so leben müssen, als ob nie etwas Schlimmes passieren wird. Wenn du dir die ganze Zeit Sorgen machst, wirst du nicht in der Lage sein, zu arbeiten oder deine Kinder großzuziehen. Wir sind es also gewohnt, in ständiger Bedrohung oder Gefahr zu leben und trotzdem so zu tun, als wäre alles normal – und ich denke, bei Roberto ist es das gleiche. Er ist ständig mit Gewaltandrohungen konfrontiert und schreibt trotzdem seine Bücher und Essays, macht Nachforschungen und tritt in Fernsehsendungen auf. Ich denke in diesem Punkt sind wir uns sehr ähnlich.

Erzähl uns von deiner Recherche und deiner Arbeit am Buch. Welche Bücher und Texte von Roberto hatten den meisten Einfluss auf den Comic? Hast du dir andere Medien zu dem Thema konsumiert? Und wie viel Einfluss hatte Roberto selbst auf das Buch? Wie viel und über was habt ihr gesprochen?

Das Buch ist das Ergebnis einer Reihe von Gesprächen mit Roberto, die ich im Laufe der Jahre geführt habe. Das erste war, als das Buch anfing. Ich kam gerade in Mailand an, und dann kam Roberto – in zwei Autos und begleitet von acht Polizisten. Ich war am Anfang ein bisschen schockiert. Dann saßen wir in einem der Büros des BAO Verlags und er begann mir seine Lebensgeschichte zu erzählen. Ich denke, es hat etwas mit der Ehrlichkeit und der poetischen Art und Weise zu tun, mit der er sehr kleine Details und einfache Ereignisse und Erinnerungen beschreibt. Jede seiner Geschichten hatte diese kleinen Schichten von Subtext, die wie eigene, kleine Geschichten wirkten und von komplett anderen Dingen handelten. Ich denke, dass es in Comics sehr wichtig ist, dass es diesen Subtext gibt, dem man mit Bildern folgen kann. Ich wollte also dieses Gefühl einfangen, vor Roberto zu sitzen und seinen Geschichten zuzuhören, weil ich das so interessant fand. Natürlich bin ich kein Italiener, also recherchierte ich über alles, über Neapel, über diese Region Italiens und ihre Besonderheiten, ich lernte ein wenig Italienisch. Ich fing an, die Serie „Gomorrha“ zu schauen, die sehr, sehr gut ist. Aber dann wollte ich nicht zu viel sehen, weil ich Angst hatte, ich würde nur einige Panels imitieren, also habe ich es nicht ganz durchgezogen, aber ich liebte sie. Es ist eine tolle Serie.

I'm Still alive

Du findest aussagekräftige Bilder und Metaphern für verschiedene Aspekte von Robertos Psyche und seinen inneren Dämonen. Wie gehst du bei der visuellen Umsetzung von Gefühlen in Bilder vor?

Zunächst einmal zur visuellen Metapher: Wie ich bereits sagte, ist es etwas, das man als Illustrator für Magazine - ich habe vor allem für amerikanischen Printmedien gearbeitet - anwenden kann, und zwar nach der Methode „one big idea“. Man kann also nicht etwas machen, das zu undurchsichtig oder zu kompliziert ist, es muss wirklich den Nagel auf den Kopf treffen und sehr aussagekräftig sein, aber nicht so, wie eine Ikone, sagen wir, oder ein Logo aussagekräftig ist. Es muss etwas Abstraktes und Komplexes aussagen, worum es in Artikeln normalerweise geht. Ich denke, dass ich in all den Jahren, in denen ich als Illustrator gearbeitet habe, die Erfahrung gesammelt habe, Elemente zu kombinieren und diese visuellen Metaphern zu schaffen. Und ich habe diese Werkzeuge, die in gewisser Weise sehr kommerziell sind, in ein sehr intermediäres Feld gebracht, nämlich Autobiografien, Comics oder sogar Robertos Geschichten. Irgendwann verstand ich, dass ich diese Werkzeuge nutzen konnte, um Gefühle zu beschreiben, die auch abstrakte Begriffe sind, und interessante visuelle Auswirkungen zu erzeugen. Das also ist meine Technik.

Israel befindet sich derzeit aufgrund der Netanjahu-Koalition und ihrer antidemokratischen Agenda in einer der größten innenpolitischen Krisen seiner Geschichte. Auch Italien hat eine rechtsgerichtete Koalition, und Roberto ist einer der schärfsten Kritiker der Regierung Meloni. Nachdem du viele Jahre unter Netanjahu gelebt hast, wie ist deine Meinung zum Aufstieg des internationalen Populismus in Ländern wie Italien, Ungarn und Polen. Bist du zuversichtilch, dass solche Entwicklungen überwunden werden können?

Ich denke, dass ich letztendlich den Menschen vertraue. Ich vertraue darauf, dass die Menschen in Israel gegen Populismus und gegen extreme Rechte und Konservatismus kämpfen werden. Ich habe den leisen Verdacht, dass diese Krise auch ein Ergebnis der Sozialen Medien ist und der Art und Weise, wie man, wenn man etwas Extremes sagt, mehr Chancen hat, gehört zu werden. Ich glaube, dass die meisten Menschen irgendwo in der Mitte sind und einfach nur den Tag überstehen und nach Hause gehen und ihre Kinder in Ruhe großziehen wollen. Sie wollen einfach nur, dass alles in Ordnung ist. Was Israel betrifft, so glaube ich, dass es kreative Kräfte und verantwortungsbewusste Kräfte gibt und viele Menschen, die den Extremismus nicht unterstützen. Das ist meine Hoffnung. Wenn es etwas gibt, das mir wirklich Sorgen bereitet, dann ist es der Gedanke, dass Solidarität aus unserem Alltag verschwindet. Sie stirbt aus, und ich glaube, das macht mir mehr Sorgen als alles andere. Ich weiß, das ist nicht viel, aber ich bin kein politischer Mensch. Und selbst wenn ich es wäre, hätte ich das Gefühl, dass es nichts gibt, was ich sagen könnte, was wichtig wäre, ich würde es durch meine Zeichnungen sagen.

"I'm Still Alive"
Im Fadenkreuz der Mafia
von Asaf Hanuka & Roberto Saviano

Format: 12x18
Seitenanzahl: 144
Einband: Comic HC
Veröffentlichungsdatum: 18.09.2023
ISBN: 978-3-98666-134-2

(Quelle: Cross Cult 2023)

I'm Still alive 1

I'm Still alive 2

I'm Still alive 3

I'm Still alive Cover

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