einen Moment...

Konrad

von Philip Kopera im Jahre 1995
K
aum hatte Konrad den Raum durch die schwere Glastüre betreten, war er auch schon Mitglied einer ziemlich langen Menschenschlange, zu viele graue, aber auch ein paar Personen mit Farbe beinhaltend, die sich, leicht geschlängelt bis zum nusshölzernen Verkaufspult erstreckte. Der Raum war von nüchternen Leuchtstoffröhren erhellt (eine in der hinteren Ecke des Raumes war beschädigt und flackerte nervös), denn durch die überdimensionalen Fenster drang nur wenig Licht ein. Es war zwar erst vier Uhr, doch das Wetter hatte sich heute der Macht der Gewohnheit unterworfen und einem Oktobertag, wie an diesem Tag einer war, ein typisches Oktoberwetter beigestellt: Dicke, alles verdeckende Wolken und leichter Regen.
Durch das Fenster drang jedoch nicht nur Dunkelheit hindurch, sondern auch das Bild einer jungen Frau, die, nur mit einer dünnen Strickjacke bekleidet, sichtlich fror. Konrad betrachtete sie, und nahm sich vor sein Vorhaben durchzuziehen, und seine Feundin nicht umsonst im Regen stehengelassen zu haben.
Die Apotheke war jetzt fast schon überfüllt. Zu viele Leute platzten herein. Zu Wenige verabschiedeten sich, und verschwanden ins Nichts der Menschenmasse und später in der Alles verschlingenden Dunkelheit der Straße. Hinter Konrad hatten sich mittlerweile zehn weitere zukünftige Kunden angesammelt. Direkt hinter ihm ein weibliches Nilpferd mit knallroten Lippen. Als sie kurz gähnt, was Nilpferde häufig zu tun pflegen, sticht Konrad ein beißender Geruch aus Knoblauch und verdorbenem Fleisch in die Nase. Er dreht sich schnell um, den Brechreiz unterdrückend, obwohl die Vorstellung, der Frau ins Gesicht zu kotzen, leicht amüsiert. Er warf einen Blick aus dem Fenster, das ihn von seiner Freundin trennte. Ihr Blick war jetzt geradewegs auf ihn gerichtet. Beide blickten sich an. Sie lächelte. Er verfluchte sie innerlich, weil sie sich seit Beginn ihrer Freundschaft weigerte die Pille zu nehmen. Als er sie vor einer Woche darauf ansprach, begründete sie ihre Ansicht in Bezug auf die Verhütung damit, daß er sie schließlich ficken wolle, und daher es auch seine Aufgabe sei die ungewollt Schwangerschaft zu verhindern.
Die Apotheke war voll mit Menschen und Proleten, alle in diversen Schlangen aufgefädelt. Irgensein Hintern, im hinteren Teil der Schlange, Konrad befand sich jetzt ziemlich in der Mitte, rempelte seinen Vordermann so, daß der Stoß sich in einer Kettenreaktion bis zum Nilpferd fortpflanzte, welches Konrad, von dem Stoß animiert, seine zwei weichen, großen, schweren Brüste in den Rücken drückte. Durch den, obwohl leichten, Stoß geriet seine Nase in die fettigen, mit Schuppen übersäten Haare seines Vordermannes. Dieser drehte sich sogleich um, und sah ihn mit winzigen, durch dicke Brillengläser fast schon verschwindenden Agen an. Vielleicht versuchte er Konrad nun mit stechendem Blick anzustarren, doch da Konrad nur zwei kleine Punkte als Augen identifizieren konnte, wirkte das Starren eher wie Glotzen. Konrad hatte Mühe ihn nicht auszulachen - er wollte dem Menschen, der ihm so leid tat, nicht seinerseits beleidigen - und biss sich schmerzhaft auf die Unterlippe. Alssich das personifizierte Mitleid wieder abwand, bemerkte Konrad, daß sich nur noch drei Leute zwischen ihm und dem über Alles verhassten Verkaufspult befanden. Ihm wurde übel. Der Grund war nicht mehr das Mundstinken des Nilpferdes, oder deie schuppigen Haare seines Vordermannes, von denen sich noch einige auf seiner Nase befanden und anfingen zu kitzeln, sondern die Aussicht nun bald vor der nusshölzernen Theke zu stehen und seinen Wunsch zu äußern. Zum Glück war die Übelkeit nur von kurzer Dauer, und er versuchte sich nun einzureden, daß gar kein triftiger Grund bestünde irgendwelche Schamgefühle zu hegen. Schließlich muss man vorsorgen, man hat sogar die heilige Pflicht. Also, wozu Scham? Wo er doch so mutig ist. Er hätte nämlich durchaus auch in eine öffentliche Toilette schleichen können, zwei Zehn-Schilling-Stücke nehmen können, sie einwerfen können, um dann im Schutz der Anonymität der Stadt zu verschwinden. Maria hatte es ihm auch vorgeschlagen es zu tun, doch er hatte nur gelächelt, und war zielstrebig in Richtung Apotheke gestapft, Maria innerlich verfluchend, weil sie keine Pille nahm. Er war sich beim Betreten des Geschäfts bereits sicher, Maria wäre der festen Überzeugung, einen Freund mit Selbstvertrauen zu haben. Er war sich aber auch sicher, daß, wenn er, egal was passiert, ohne Verhütung den Laden verlässt, diese Überzeugung zerbröckelt, ebenso wie sein verbliebenes, ohnehin schon degeneriertes Selbstvetrauen zerbröckeln würde.
Der Brillenmann vor ihm kam jetzt an die Reihe. Konrad begann kalt zu schwitzen. Er trat einen Schritt beiseite, und sah an dem Fetthaar vorbei, die Verkäuferin betrachtend. Ihr äußeres Erscheinungsbild war dies einer typischen, alten Jungfer. Ihr ernster Blick, durch eine nach oben gewinkelte Brillenfassung immens verstärkt, kündigte Unheil an. Als sie den Fettpinsch fragte, was er denn wolle, und warum er denn so rot werde, klang ihre Stimme gleich einem knarrenden Kasten. “Ich will ein Päckchen Kondome.”, sprach ein langer, dürrer Mann mit fettigem, schuppigen Haar und einer dicken Hornbrille. Eben jener Mann, der die ganze Zeit vor Konrad stand - jetzt neben ihm. Seine Stimme war leise, gedrückt, wohl hoffend, daß sie niemand höre. Doch Konrad hörte sie, und er verabscheute diese Frau, die diesen Schleimbatzen in sich eindringen lässt.
“Die sind aus.”, war die Antwort der alten Schachtel, “Kommen sie nächste Woche!” - “»Kommen sie nächste Woche!...«, die kam sich wohl witzig vor”, dachte Konrad. Im selben Moment fiel ihm ein, daß er hier eigentlich nichts mehr zu bestellen hatte. Er verließ mit der Brillenschlange die Apotheke. Erst nachher stellt er sich die Situation bildlich vor, wie sie gemeinsam am Tresen standen, wie zwei Freunde, um dann enttäuscht die Apotheke zu verlassen. Aber der Tag war sowieso im Arsch, denn seine Freundin, die alles durchs Schaufenster beobachtet hatte, glaubte kein Wort seiner Geschichte; er habe sich ja nichteinmal zu fragen getraut, und im letzten Moment einen Rückzieher gemacht.
Aber der eigentliche Grund, warum sie Schluss mache, sei, daß ihr das Alles viel zu schnell ginge.
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