einen Moment...

Der gute und der böse Bruder

von Friedrich Lorentz im Jahre 1910
E
s waren einmal zwei Brüder, die wollten in die Welt gehen auf Wanderschaft. Der Vater erlaubte es ihnen und gab ihnen Reisegeld, jedem gleich viel, und die Brüder gingen fort in die weite Welt. Als sie die Vorräte, die sie von Hause mitgenommen hatten, aufgezehrt hatten und für Geld leben mußten, sagte der ältere Bruder zu dem jüngeren: „Jetzt werden wir zuerst für dein Geld leben und dann für das meine.“
Der jüngere Bruder war einverstanden, und sie aßen und tranken, bis sein Geld aufgezehrt war. Dann sagte der jüngere Bruder: „Jetzt, Bruder, werden wir für dein Geld leben.“ Aber der ältere Bruder lachte und sagte: „Das wird gewiß nicht geschehen! Glaubst du, daß ich auch so dumm bin wie du? Aber ich will dir etwas sagen: Wenn du mir erlaubst, daß ich dir ein Auge aussteche, dann will ich dir zu essen geben.“
Den jüngeren Bruder hungerte sehr, Geld hatte er nicht mehr, um sich Speisen zu kaufen, und so mußte er schon seinem Bruder erlauben, ihm ein Auge auszustechen. Jetzt aber war er auf einem Auge blind. Sie gingen weiter. Bald hungerte sie wieder, und der Halbblinde bat seinen Bruder, er möge ihm zu essen geben. Dieser antwortete: „Ich gebe dir zu essen, wenn du einwilligst, daß ich dir auch das andere Auge aussteche.“ Der Halbblinde hatte so großen Hunger, daß er sich auch das zweite Auge ausstechen ließ. Aber jetzt war er ganz blind und sah nichts mehr. Da sagte er zu seinem Bruder: „Jetzt bin ich ganz blind. Führe mich an den Weg, wo Menschen gehen, damit ich die Hand ausstrecken und um ein Stück Brot bitten kann.“
„Ich werde dich hinführen,“ versprach der ältere Bruder. Aber er führte ihn nicht an den Weg, wo Menschen gingen, sondern ging mit ihm in den dunklen Wald, fern von allen Menschen, ließ ihn sich unter den Galgen setzen und sagte: „Hier bleibe sitzen. Du sitzest jetzt dicht am Wege gerade unter dem Kreuz.“ Dann ging er fort und ließ den Blinden allein.
Einsam und verlassen saß der Blinde im Walde unter dem Galgen und dachte, daß er unter dem Wegkreuz sitze. Er streckte seine Hände aus um ein Stückchen Brot, aber niemand kam, der ihn gesehen und sich über ihn erbarmt hätte. Er bemerkte auch nicht, daß es dunkel wurde und die Nacht hereinbrach, sondern saß und wartete. Gegen Mitternacht kamen drei Raben geflogen, setzten sich auf den Galgen und begannen, sich zu besprechen. Der erste sagte: „Heute sah ich, wie ein Bruder seinen Bruder die Augen ausstach, daß er nichts mehr sieht. Ich wüßte schon einen Rat: Nach einer Weile wird es regnen, wenn er sich mit dem Regenwasser die Augen auswüsche, würde er wieder sehen können. Aber was hilft ihm das, wenn er uns hier nicht hört!“
Der zweite Rabe sagte: „Nicht weit von hier ist eine Stadt, in der die Menschen vor Durst sterben. Und sie wissen nicht, daß, wenn sie den großen Stein fortwälzen, der mitten auf dem Markte steht, unter ihm mehr Wasser hervorströmt, als sie nötig haben. Aber was hilft das den Leuten, wenn sie es nicht wissen und niemand uns hier hört!“
Der dritte Rabe sagte: „Auch ich weiß etwas! In derselben Stadt im Schlosse liegt die Tochter des Königs krank, und kein Arzt weiß ein Mittel gegen ihre Krankheit. Aber ich weiß, was ihr helfen würde: Im Schloßgarten ist ein kleiner Teich und in dem schwimmt ein goldener Fisch. Wenn ihn jemand fängt und und kocht und der Königstochter von der Brühe zu trinken gibt, dann macht er sie sogleich gesund. Aber was hilft ihr das, wenn das keiner weiß und niemand uns hier hört!“
Dann flogen die Raben fort.
Der Blinde hatte alles gehört und beschloß auszuprobieren, ob die klugen Raben die Wahrheit gesagt hätten. Nach einer Weile fing es wirklich an zu regnen. Der Blinde hielt die Hände hin, fing Regenwasser auf und wusch sich damit die Augen aus. Und sofort konnte er wieder sehen. Jetzt bemerkte er, daß er mitten im Walde unter dem Galgen saß, er stand auf und ging, um wieder aus dem Walde zu Menschen zu kommen. Er mußte lange gehen, am Morgen aber kam er zu der Stadt, in der die Menschen kein Wasser hatten und vor Durst dahinstarben. Da sagte er zu sich: „Die Raben haben die Wahrheit gesagt mit dem Regen, nach dem ich das Augenlicht wieder bekommen habe, sie werden also auch mit dem Stein die Wahrheit gesagt haben.“
So ging er geradewesgs auf das Rathaus und sagte zu den Aeltesten der Stadt, er verstünde es, Wasser aus der Erde zu gewinnen und könne ihnen helfen. Die Aeltesten versprachen ihm viel Geld, wenn er der Stadt Wasser verschaffen würde. Er führte sie auf den Markt und befahl ihnen, den großen Stein fortzuwälzen, der dort in der Mitte lag. Und kaum war der Stein fortgewälzt, als aus der Erde soviel Wasser hervorquoll, daß bald ein ganzer Fluß die Stadt durchströmte und mehr Wasser da war als genug. Die Aeltesten hielten ihr Versprechen und gaben ihm soviel Geld, daß er ein reicher Mann wurde.
Dann ging er in die Schenke und ließ sich zu essen und zu trinken geben von dem Besten, was da war. Dort erzählten ihm die Leute, daß die Königstochter im Schloß sehr krank sei und die Aerzte kein Mittel dagegen wüßten. Er sagte: „Führt mich zum König, ich werde sie heilen.“
So führte man ihn zum Schlosse. Dort gingen alle, vom König bis zum untersten Diener, mit gesenkten Köpfen umher und weinten, denn sie dachten, daß die Königstochter sterben müsse. Und das Schloß war voller Aerzte, aber alle schüttelten die Köpfe und keiner wußte einen Rat.
Als man dem König meldete, daß der Fremde seine Tochter heilen wolle, sagte er zu ihm, er wolle ihm seine Tochter zur Frau geben und sein ganzes Königreich, wenn er nur ihre Gesundheit wiederherstelle. Der Fremde hatte sich gut gemerkt, was die Raben um Mitternacht auf dem Galgen gesagt hatten, er führte den König zu dem Teich im Garten und befahl, diesen abzulassen. Als das Wasser abgelaufen war, zeigte sich der goldene Fisch. Der Fremde ließ ihn kochen und der Königstochter von der Brühe zu trinken geben. Und kaum hatte sie den ersten Löffel ausgetrunken, da stand sie auf, wollte essen und war gesund. Aus Dankbarkeit gab der König sie ihrem Erretter zur Frau und ließ eine große Hochzeit ausrichten. Die Königstochter war sehr schön und gut, und die jungen Eheleute lebten als König und Königin und waren glücklich.
Eines Tages fuhren der König und die Königin in ihrem vierspännigen Wagen in den Wald. Da sahen sie am Wege einen armen Mann, der war zerschlagen und übel zugerichtet und bat um Brot. Der junge König erkannte sofort in dem Bettler seinen Bruder, der ihn geblendet hatte. Er ließ den Wagen halten und fragte den Bettler: „Was hast du in deinem Leben Ungutes getan, daß du so elend geworden bist?“
Der Bettler antwortete: „Ich erleide Strafe dafür, daß ich meinen Bruder geblendet und unter den Galgen gesetzt habe, während ich sagte, es sei das Wegkreuz.“
Da gab sich ihm der junge König zu erkennen und sagte, weil er ein gutes Herz hatte: „Da du deine Schuld einsgestehst, verzeihe ich dir. Komm mit mir!“
Er nahm ihn mit in sein Schloß und kleidete und unterhielt ihn bis zum Tode.
Möge aber niemand so töricht sein, sein Geld zuerst zum Verzehren hizugeben, sondern jeder lebe für das seine!
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