einen Moment...

Der Condor

von Adalbert Stifter im Jahre 1839
1. Ein Nachtstück
U
m zwei Uhr einer schönen Junimondnacht ging ein Kater längs des Dachfirstes und schaute in den Mond. Das eine seiner Augen, von dem Strahle des Nachtgestirnes schräg getroffen, erglänzte, wie ein grüner Irrwisch, das andere war schwarz, wie Küchenpech, und so glotzte er zuletzt, am Ende der Dachkante ankommend, bei einem Fenster hinein – und ich heraus. Die großen freundlichen Räder seiner Augen auf mich heftend, schien er befremdlich fragen zu wollen: „Was ist denn das, du lieber alter Spiel- und Stubengenosse, daß du heute in die späte Nacht dein Gesicht zum Fenster hinaushältst, das sonst immer roth und gesund auf dem weißen Kissen lag und ruhig schlummerte, wenn ich bei meinen Nachtgängen gelegentlich vorbeikam und hineinschaute?‟
„Ei, Trauter,‟ erwiederte ich ihm auf die stumme Frage, „die Zeiten haben sich nun einmal sehr geändert, das siehst du; – die weißen Kissen liegen unzerknittert dort auf dem Bettgestelle, und der Vollmond malt die lieblich flirrenden Fensterscheiben darauf, statt daß er in mein schlummerndes Angesicht schiene, welches Gesicht ich dafür da am Simse in die Nacht hinaushalten muß, um damit schon durch drei Viertheile derselben auf den Himmel zu schauen; denn an demselben wird heute das seltenste und tollste Gestirn emporsteigen, was er je gesehen. Es wird zwar nicht leuchten, aber wenn nach Verdienst gerichtet würde, so ist etwas in ihm, das strahlenreicher ist, als der Mond und alle Sterne zusammengerechnet, deine glänzenden Augen nicht ausgenommen, Verehrtester.‟
So sagte ich ungefähr zu dem Kater, er aber drehte seine Augen, als verstände er meine Rede, noch einmal so groß und noch einmal so freundlich gegen mich, daß sie wie Glimmerscheiben leuchteten, und die Seite seines weichen Felles gegen meine Hand krümmend und stemmend, hob er sofort sein traulich Spinnen an, während ich fortfuhr, mit ihm zu kosen: „Man sieht viel in einer langen Mondnacht, das wirst du wissen, Lieber, wenn du sonst Beobachtungsgeist besitzest; aber siehe, ich wußte es nicht, da ich nie Zeit hatte, eine so recht von Herzen anzuschauen, allein in diesem Harren und Schauen nach dem Himmel, namentlich da der gehoffte Weltkörper immer nicht kam, hatte ich Muße genug den Lebenslauf einer Frühlingsnacht zu studiren.‟
Da aber alles wahr ist, was ich da meinem lieben Freunde Hinze eröffnete, so sehe ich nicht ab, warum ich es nicht auch einem noch liebern Menschenauge eröffnen, dem einst dieses Blatt vorkommen könnte, warum ich nicht sagen sollte, daß mich wirklich ein närrisches und unglückliches Verhängniß an dieses Fenster kettete, und meine Blicke die ganze Nacht in die Lüfte bannte. Es will fast närrisch sein, aber jeder säße auch bei mir hieroben, wenn er vorher das erlebt hätte, was ich.
Die Zeit war zäh, wie Blei.
Leider war ich schon viel zu früh heraufgestiegen, als sich noch das leidige Abendgetümmel der Menschen durch die Gassen schleppte, und eine wunderliche Dissonanz bildete zu dem lieben Monde, der bereits mit rosenrothem Angesichte dort drüben zwischen zwei mächtigen Rauchfängen lag und auf meine zwei Fenster herübergrüßte.
Allmälig puppte sich denn doch alles, was Mensch heißt, in seine Nachthüllen ein, und nur die Rufe der Schlemmer tönten hie und da herauf, wie sie ihren späten Nachtweg nach Hause suchten – dann hob jene Zeit an, die die Philosophen, Dichter und Kater lieben, die Nachtstille – mein vierpfotiger Freund hat eben nicht den übelsten Geschmack für die Zeit seiner Spaziergänge. – Der Mond hatte sich endlich von den Dächern gelöset, und stand hoch im Blau – ein Glänzen und ein Flimmern und ein Leuchten durch den ganzen Himmel begann, durch alle Wolken schoß Silber, von allen Blechdächern rannen breite Ströme desselben nieder, und an die Blitzableiter, Dachspitzen und Thurmkreuze waren Funken geschleudert. Ein feiner Silberrauch ging über die Dächer der weiten Stadt, wie ein Schleier, der auf den hunderttausend schlummernden Herzen liegt. Der einzige Goldpunkt in dem Meere von Silber war die brennende Lampe drüben in dem Dachstübchen der armen Waschfrau, deren Kind auf den Tod liegt.
So schön das alles war, so wurden doch die Stunden eine nach der andern länger – die Schatten der Schornsteine hatten sich längst umgekehrt, die silberne Mondkugel rollte schon bergab auf der zweiten Hälfte ihres dunkeln Bogens – es war die tödtlichste Stille – nur ich und jenes Lämpchen wachten.
Was ich aber suchte, das erschien nicht.
Zweimal schritt Hinze über die Dächer, ohne zu mir zu kommen. Die große Stadt unter mir, in der undeutlichen Magie des Mondlichts schwimmend, lag im tiefsten Schlummer, als sollte man sie athmen hören – aber auch der Himmel an der gesuchten Stelle blieb glänzend einsam, wie er die ganze Nacht gewesen. Ich harrte fort. Es war, als würde es mit jeder Minute lautloser. Der Mond zog sichtlich der zweiten Halbkugel zu; eine Heerde Lämmerwolken, die tief gegen Süden auf der blauen Weide gingen, wurde leise angezündet, und selbst ferne Wolkenbänke, die schon seit Abend unten am Westhimmel schlummerten und sich dehnten – und lange in unsere Nacht hinein die Sonne Amerika’s wiedergeschienen hatten, waren erloschen, und glommen nun vom Monde an, und durch ihre Glieder floß ein sanftes, blasses Licht, als regten sie sich leise.
Da schlug es zwei Uhr und Hinze kam. Er war mir in dieser Nacht ordentlich bedeutsam geworden. Es entspann sich das stumme Gespräch mit ihm, das ich Anfangs dieses Blattes berichtete; aber freilich dauerte die Unterhaltung mit ihm nicht lange, da wir Beide des Zwiegesprächs bald müde waren, und jeder zu unserm Geschäfte übergingen: er zu seinem Lustwandeln, ich zu meinem einförmigen Schauen.
Das Lämpchen der Witwe war mittlerweile ausgelöscht worden, dafür fürchtete ich, daß bald eine ganz andere Lampe angezündet werden würde; denn im Osten kroch bereits ein verdächtiges Lichtgrauen herum, als sei es der Morgen; auch die Luft, bisher so warm und todesruhig, machte sich auf; denn ich fühlte es schon zweimal kühl aus Morgen her an mein Gesicht wehen, und das Rauschen der Frühlingsgewässer wurde deutlich von den Bergen herübergetragen.
Da auf einmal, in einem lichten Gürtel des Himmels, den zwei lange Wolkenbänder zwischen sich ließen, war mir’s, als schwebe langsam eine dunkle Scheibe – ich griff rasch um das Fernrohr, und schwang es gegen jene Stelle des Firmaments – Sterne, Wolken, Himmelsglanz flatterten durch das Objectiv – ich achtete ihrer nicht, sondern suchte angstvoll mit dem Glase, bis ich plötzlich eine große schwarze Kugel erfaßte und festhielt.
Also ist es richtig, eine Voraussage trifft ein: gegen den zarten weißen Frühhimmel, so schwach roth erst, wie eine Pfirsichblüthe, zeichnete sich eine bedeutend große dunkle Kugel, unmerklich emporschwebend – und unter ihr an unsichtbaren Fäden hängend, im Glase des Rohres zitternd und schwankend, klein wie ein Gedankenstrich am Himmel – das Schiffchen, ein gebogenes Kartenblatt, das drei Menschenleben trägt, und sie noch vor dem Frührothe herabschütteln kann, so naturgemäß, wie aus der Wolke daneben ein Morgentropfen fällt.
Cornelia, armes verblendetes Kind! möge dich Gott retten und schirmen!
Ich mußte das Rohr weglegen; denn es wurde mir immer grauiger, daß ich durchaus die Stricke nicht sehen konnte, mit denen das Schiff am Ballon hing.
Ist nun auch die zweite Thatsache so gewiß, wie die erste; dann lebe wohl, du mein Herz, – dann kanntest du und liebtest du das schönste, großherzigste, leichtsinnigste Weib!!
Ich mußte doch das Rohr wieder nehmen; aber der Ballon war nicht mehr sichtbar, wahrscheinlich hatte ihn das obere jener Wolkenbänder aufgenommen, gegen dessen Grund seine Zeichnung verschwand. Ich wartete, und suchte dann noch lange am Himmel, fand aber nichts mehr.
Mit seltsamen Gefühlen des Unwillens und der Angst legte ich das Fernrohr weg und starrte in die Lüfte, bis endlich eine andere, aber glühende Kugel emporstieg, und ihr strahlendes Licht über die große heitere Stadt ausgoß, und auf meine Fenster, und auf einen ungeheuren, klaren, heitern, leeren Himmel.
Text Info
Webseite mit weiterführenden Infos zum aktuellen Text

✎ NEUE TEXTE UND COMICS

Neuer Lesestoff im eBook-Reader der Comicinsel
Konrad cover
von
Philip Kopera
aus Kategorie
Prosa
(1995)

Lesen
Info
Prosa

"Konrad"
von Philip Kopera
Schilflieder cover
von
Nikolaus Lenau
aus Kategorie
Lyrik
(1832)

Lesen
Info
Lyrik

"Schilflieder"
von Nikolaus Lenau
Hitmän 2 cover
von
Mawil
aus Kategorie
Comic
(2007)

Lesen
Info
Comic

"Hitmän 2"
von Mawil
Bisoncomics cover
von
Irene Bisanz
aus Kategorie
Comic
(2010)

Lesen
Info
Comic

"Bisoncomics"
von Irene Bisanz
H... cover
von
Heinz Wolf
aus Kategorie
Comic
(2003)

Lesen
Info
Comic

"H..."
von Heinz Wolf
Gustl cover
von
Thomas Kriebaum
aus Kategorie
Comic
(2005)

Lesen
Info
Comic

"Gustl"
von Thomas Kriebaum
Olaf cover
von
Stefan Pede
aus Kategorie
Comic
(2008)

Lesen
Info
Comic

"Olaf"
von Stefan Pede
Im Bett mit Cowboy und Indianer cover
von
Hannes Schaidreiter
aus Kategorie
Comic
(2001)

Lesen
Info
Comic

"Im Bett mit Cowboy und Indianer"
von Hannes Schaidreiter
Klage cover
von
Philip Kopera
aus Kategorie
Lyrik
(1995)

Lesen
Info
Lyrik

"Klage"
von Philip Kopera
Freundin, Freund, Schwester cover
von
Philip Kopera
aus Kategorie
Lyrik
(1991)

Lesen
Info
Lyrik

"Freundin, Freund, Schwester"
von Philip Kopera
Wandlung cover
von
Philip Kopera
aus Kategorie
Lyrik
(1991)

Lesen
Info
Lyrik

"Wandlung"
von Philip Kopera
Sport Cartoons Magazin cover
von
Philip Kopera
aus Kategorie
Comic
(2013)

Lesen
Info
Comic

"Sport Cartoons Magazin"
von Philip Kopera
Happy mit Tennis cover
von
Philip Kopera
aus Kategorie
Comic
(2010)

Lesen
Info
Comic

"Happy mit Tennis"
von Philip Kopera
Games Cartoons cover
von
Philip Kopera
aus Kategorie
Comic
(2012)

Lesen
Info
Comic

"Games Cartoons"
von Philip Kopera
tv-report cover
von
Philip Kopera
aus Kategorie
Comic
(2012)

Lesen
Info
Comic

"tv-report"
von Philip Kopera
Ab 18 cover
von
Philip Kopera
aus Kategorie
Comic
(2012)

Lesen
Info
Comic

"Ab 18"
von Philip Kopera

LITERATURSEITEN

Eine Auswahl an Links zu bekannten Verlagen und mehr
Logo André Müller

André Müller

Literatur
Homepage mit Interviews, Texten und Prosa von André Müller
Logo bahoe books

bahoe books

Literatur
Verlag in Autogestion aus Wien. Focus: Aufständische und revolutionäre Geschichte der Arbeiterbewegung
Logo BAM!

BAM!

Literatur
Das Bündnis Alternativer Medien ist eine Allianz unterschiedlicher kritischer Medien in Österreich
Logo BASTEI LÜBBE

BASTEI LÜBBE

Literatur
Rund 3.600 Titel aus den Bereichen Belletristik, Sach-, Kinder- und Jugendbuch.
Logo DigBib.Org

DigBib.Org

Literatur
freie digitale Bibliothek
Logo DIGITAL BOOK.IO

DIGITAL BOOK.IO

Literatur
Digitale Hörbücher und E-Books
Logo Diogenes

Diogenes

Literatur
Diogenes mit Sitz in Zürich ist einer der größten unabhängigen Belletristikverlage Europas.
Logo Elfriede Jelinek

Elfriede Jelinek

Literatur
Literaturnobelpreis für "den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen..."
Logo Gedichte.com

Gedichte.com

Literatur
Gedichte und Geschichten lesen, schreiben, diskutieren.
Logo Hörspielland.de

Hörspielland.de

Literatur
Fan-Seite zum Thema Hörspiele und Hörbücher. Der Schwerpunkt liegt auf kommerziellen Produktionen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Logo Männerschwarm Verlag

Männerschwarm Verlag

Literatur
Wer von Literatur erwartet, mit neuen Aspekten der vertrauten Wirklichkeit konfrontiert zu werden, wird durch die Lektüre homosexueller Autoren sicherlich reicher belohnt als durch den soundsovielten Familienroman.
Logo pen INTERNATIONAL

pen INTERNATIONAL

Literatur
The Freedom to Write. Autorenverband, gegründet 1921.
Logo perlentaucher

perlentaucher

Literatur
Perlentaucher ist das führende und unabhängige Kultur- und Literaturmagazin im deutschsprachigen Internet.
Logo Reclam

Reclam

Literatur
Über 3500 Bücher und 1000 E-Books umfasst das Programm des Reclam Verlags.
Logo Residenz Verlag

Residenz Verlag

Literatur
Der Residenz Verlag mit Sitz in Salzburg und Wien gilt als einer der traditionsreichsten Verlage in Österreich.
Logo S. Fischer

S. Fischer

Literatur
Der S. Fischer Verlag wurde 1886 von Samuel Fischer in Berlin gegründet.
Logo Simplicissimus

Simplicissimus

Literatur
Satirische Zeitschriften aus dem vergangenen Jahrhundert
Logo Suhrkamp

Suhrkamp

Literatur
Im Mittelpunkt der Jahresprogramme steht nach wie vor die junge deutschsprachige Literatur.
Logo TASCHEN

TASCHEN

Literatur
Taschen ist ein unabhängiger, familieneigener Verlag für Bildbände.
Logo www.zitate.de

www.zitate.de

Literatur
Über 12.000 aktuelle und klassische Zitate für jede Gelegenheit
Logo zitate.eu

zitate.eu

Literatur
265.000 Zitate von 20.000 Autoren
Logo Zulu

Zulu

Literatur
gemeinnützige Ebook Literaturseite und Veröffentlichungsplattform

COMICINSEL.at

eBOOK & COMIC

FILM & VIDEO

RADIO STREAM

LINKLISTE

NACH OBEN