Werbung
| Interview mit Andreas C. Knigge |
|
|
| Interviews | Autoren | |||
| Geschrieben von: Gerhard Förster | |||
| Montag, den 11. Juli 2011 | |||
|
Gerhard Förster, Chefredakteur des Szenemagazins "Die Sprechblase" interviewte dafür den Autor Andreas C. Knigge. Ein Auszug aus dem Vorwort des bei Comics etc. erscheinenden Buches ist übrigens in der aktuellen Ausgabe der "Sprechblase" (#221) zu finden.
SB: Knigge schreibt ein Buch über Wäscher. Das klingt für manchen wohl so, wie wenn der Teufel eine Messe liest. Wie ist das Buch zustande gekommen? Knigge: Hartmut Becker hat meine Charles- M.-Schulz-Biografie bei Carlsen gefallen, und so fragte er mich eines Tages, ob ich ihm nicht eine über Hansrudi Wäscher schreiben wolle. Anfangs war ich skeptisch, da ich in der Welt nun gar nicht zu Hause bin. Aber dann rutschten mir auf einmal Wäschers zeitgeschichtliche Bedeutung und Leistung in den Blick: Niemand, wirklich niemand hat die Nachkriegsgeneration in Deutschland in ihrem Bild von der Welt und auch durch das Herausstellen moralischer Werte so geprägt wie Wäscher mit seinen Helden. Seine Comics liefen zeitweise in zehn verschiedenen Heften gleichzeitig, hatten also enorme Präsenz. Und ich entdeckte spannende Dinge, etwa dass Nick, der Weltraumfahrer, schon zu einer Zeit gegen den atomaren Unsinn wettert, als die Republik noch nicht einmal den ersten Ostermarsch gesehen hat!
SB: Was hat sich an Deiner Einstellung zu Wäschers Comics im Vergleich zu früher geändert? Knigge: Dass ich sie nun kenne! Ich habe die Hefte als Knirps nicht gelesen, da kamen gerade Superman und Batman neu heraus, das fand ich damals mit zehn Jahren spannender. Später bekam ich von Norbert Hethke dessen Falk- Bücher geschenkt, und damit hatte ich durchaus meinen Spaß. Das war’s aber auch schon, sonst habe ich so gut wie nichts von Wäscher gelesen, da ich diesem „Kennst du eins, kennst du alle“-Gedanken aufsaß. Natürlich ist da ja was dran, aber es ist schon faszinierend, wie routiniert Wäscher das mit einer in jedem Moment tragenden Spannung überspielt. Das ist tatsächlich eine Kunst für sich! Was die Zeichnungen angeht, war natürlich auch ich nie frei davon, Prinz Eisenherz im Kopf zu haben, wenn ich mir Sigurd anguckte. Mir ist klar geworden, dass man von Wäschers Bildern nicht erwarten darf, dass sie einen auf einer ästhetischen Ebene in den Bann schlagen, sondern dass man sie vielmehr als ein die Handlung transportierendes grafisches System betrachten muss. Das perfekt funktioniert, sei angemerkt. Bei Chester Gould sagt man da „wow“, bei Wäscher „bäh“, das ist dieser deutsche Selbsthass. Gäbe es in Frankreich, in den USA oder Japan einen Zeichner von der Bedeutung, wie sie Wäscher für Deutschland hat, dann wäre längst ein Preis nach ihm benannt. Ich habe über sieben Wochen hinweg alle von Wäschers Serien gelesen und nie die Lust verloren dabei. Aufregend finde ich vor allem die Parallelen zu Mangas. Das reicht von der Seitenarchitektur über Erzähltechniken und -muster bis hin zu Phänomenen wie dem Cosplay und ist wirklich verblüffend. Da hat die Comic-Forschung noch richtig was zu entdecken!
Knigge: Hansrudi Wäscher ist ein äußerst charmanter Mann, und das gilt ebenso für seine Frau Helga, ich schätze beide wirklich sehr. Das waren zwei lockere Tage in einer äußerst angenehmen Atmosphäre, und beim Abhören meines Interviews ist mir immer wieder aufgefallen, wie viel wir auch gelacht haben. SB: Im Buch selbst soll kein neues Interview enthalten sein. Aber ich nehme an, dass in die diversen Kapitel etliche neue Zitate einflossen. Knigge: Das Buch enthält eine Menge „OTöne“ von Zeitzeugen, etwa auch von Ursula Reuter, die die ganze Zeit über Wäschers direkter Ansprechpartner bei Lehning war, oder Walter Lehnings Sohn Bernd über seinen Vater und dessen Verlag. Was die Wäscher-Zitate betrifft, so stammen die außer aus unserem zweitägigen Marathon auch noch aus den Interviews, die Peter Orban 1977 und Du zehn Jahre später geführt habt. Ich habe es Herrn Wäscher gerne ersparen wollen, ihm Fragen nochmals zu stellen, die er bereits an anderer Stelle ausreichend beantwortet hat. SB: Was ich für einen Journalisten vorbildlich finde, ist, dass du fast das gesamte OEuvre von HRW eigens für dieses Buch in nur eineinhalb Monaten durchgelesen hast. Daraus entstand dann die Idee einer Best-of-Wäscher-Bibliothek, die ich gar nicht mal schlecht finde, obwohl ich mich beim Auswählen sehr schwer tun würde. Knigge: Nun ja, ich musste schließlich wissen, worüber ich schreibe. Und ich muss sagen, dass mich der Sog, den die Hefte erzeugen, tatsächlich mitgerissen hat. Wenn ich nachts ins Bett ging, dann dachte ich nicht, „o je, das musst du alles noch lesen“, sondern ich war gespannt auf die Fortsetzung und hatte vor dem Schlafengehen schon zigmal die „eins geht noch“-Situation hinter mir. Ich habe Serie für Serie vollständig gelesen und jeweils parallel dazu das Rohmanuskript für kleine Monografien geschrieben. Irgendwann hatte ich dann die Idee, eine Best-of-Edition in einem Dutzend Büchern vorzuschlagen – vielleicht macht das ja tatsächlich mal einer …
Knigge: Hm … Innerlich denke ich, habe ich das alles unbeschadet überstanden. Und äußerlich … ich musste anschließend dringend mal zum Friseur. Nee, nee, das war alles völlig undramatisch. Ich habe halt knapp zwei Monate da gesessen und Comics gelesen, links mein Notizblock, rechts abends dann eine schöne Flasche Weißwein, und dafür wurde ich auch noch bezahlt. Es gibt schlimmere Dinge (lacht). Aber im Ernst: Erwachsene können sich ja nicht mehr so einfach ganz unbefangen auf etwas einlassen. Indem ich stundenlang vor den Heften saß, über Tage und Wochen, ist mir das möglich geworden, ich konnte ab einem bestimmten Punkt ganz gut nachempfinden, was in Kids vorgegangen ist, die die Hefte damals gelesen haben – und dann nach dreißig schmalen Piccolo-Seiten eine Woche aushalten mussten, bis es weitergeht. Unvorstellbar in unserer heutigen Zeit … SB: Ich kenne nur das lange Einleitungskapitel, das mir außerordentlich gut gefiel, und aus dem ich für die SB einige Passagen ausgewählt habe (siehe SB#221). Was erwartet uns sonst noch in dem Buch? Knigge: Wäschers Biografie und Werdegang, mit etlichen bislang unveröffentlichten Bildern auch, wobei ich nebenbei natürlich auch die Verlagsgeschichte von Lehning und Hethke erzähle. Dann gibt es zu jeder von Wäschers Serien eine Monografie einschließlich ausführlicher Bibliografie. Der Text zu Sigurd allein ist fast achtzig Manuskriptseiten lang. Ich stelle Wäscher und seine Arbeit dabei in ihren zeitgeschichtlichen Kontext, der zum Verständnis seines Werks notwendig ist. SB: Und jetzt... nachdem Du es geschafft hast, brauchst Du zum Ausgleich ein paar Sex-and- Crime-Comics oder lieber Marcel Proust? Knigge: Ach, inzwischen sind meine Wohnung und mein Büro wieder Wäscher-frei. Hartmut hat die meterhohen Stapel, die er mir zum Lesen und für meine Arbeit ausgeliehen hat, und die mir das letzte halbe Jahr über ständig vor Augen standen, vergangene Woche wieder abgeholt. Das war schon eine Befreiung – endlich durch damit! Das Manuskript hat immerhin über vierhundertfünfzig Seiten, da ist man dann schon etwas aus der Puste. Aber in ein paar Tagen fliege ich nach Phnom Penh und bin drei Wochen bei meinem Sohn in Kambodscha, der wird Ende des Monats einundzwanzig. Da gibt es für mich dann keine Comics, egal, was für welche. Ich habe nur die Befürchtung, dass mir diesmal der Dschungel ohne diese ganzen „Wäscher- Pflanzen“ vielleicht ein wenig öde vorkommen wird (lacht). Als Lektüre für den Flug liebäugele ich mit Richard Price‘ „Cash“. Der liegt schon eine ganze Weile rum bei mir, aber dann hieß es halt ständig: „Versäume auf keinen Fall das nächste spannende Abenteuer …!“ SB: Danke für das interessante Interview! Zur Person
AMAZON: "Allmächtiger!" von Andreas C. Knigge
|


"Allmächtiger!" heißt der Titel eines neuen, fast 500 Seiten starken Buches über Hansrudi Wäscher.
Anfang der Fünfzigerjahre gab es noch kein richtiges Fernsehen – zwei Stunden drei Tage in der Woche, das war’s –, keine Rockstars und keine popkulturellen Mythen, die der neuen Zeit entsprachen und Licht in die Trümmerwelt brachten. Das hat Wäscher geliefert, allein auf weiter Flur, und das macht ihn zum „Phänomen“, das ich äußerst spannend finde. Also sagte ich „ja“ und machte mich auf die Reise.
SB: Du hast Wäscher zwei Tage lang besucht. Bitte erzähle etwas über dieses Erlebnis.
SB: Dieser Lese-Marathon ist ja eine außergewöhnliche, grenzwertige Erfahrung, die wohl noch kaum jemand in diesem Ausmaße machte. Da würde mich interessieren, was sich da bei Dir innerlich und äußerlich abspielte.